Simon

Simon im April 2004

Alles fing damit an, dass unser gro√üer Sohn Windpocken bekam als ich mit dem Kleinen in der 12. Wochen schwanger war. Wie immer passiert so etwas nat√ľrlich am Wochenende und da ich selber als Kind keine Windpocken hatte, wollte meine Frauen√§rztin dass ich mich sicherheitshalber im Uni-Klinikum melde. Dort machte man ‚Äď sicherheitshalber ‚Äď einen Antik√∂rpertest, nur damit ich mich nicht unn√∂tig aufrege, weil eigentlich ist fast jeder gegen Windpocken immun. Ca. vier Stunden sp√§ter kam dann der Anruf aus der Klinik: Ich sei absolut gar nicht immun und es sei dringend angeraten mir Antik√∂rper zu spritzen. Ich bin also wieder in die Klinik und mir wurden per
 Tropf f√ľnf Stunden lang Antik√∂rper injiziert.

  • In dem √Ąrztebrief an meine Frauen√§rztin teilte man mit, dass man eine intensive Ultraschallkontrolle in der 20. Schwangerschaftswoche bef√ľrworten w√ľrde. Ich bin also zum gew√ľnschten Zeitpunkt wieder in die Klinik zum US. Der Arzt pr√ľft sorgf√§ltig den Entwicklungsstand aller Extremit√§ten und meinte ich solle zur Kontrollmessung zwei Wochen sp√§ter nochmals vorbeikommen. Bei dieser zweiten Untersuchung, sie fand an einem Freitag statt, meinte der Arzt, ihm sei eine Unregelm√§√üigkeit am Gehirn aufgefallen, der Kleine habe vergr√∂√üerte Hinterh√∂rner. Zu Konsequenzen wollte man mir zu diesem Zeitpunkt nichts sagen. Ich solle in zwei Wochen nochmals vorbeikommen. Ich bin ziemlich verst√∂rt und beunruhigt aus dieser Untersuchung nach Hause gegangen und habe mir das ganze Wochenende Sorgen gemacht und das Internet zu Hinterh√∂rner befragt. Montags war ich zur Vorsorgeuntersuchung bei meiner Frauen√§rztin und erz√§hlt ihr sofort von den Beobachtungen des Arztes. Sie meinte, ich solle mich nicht aufregen, sie wisse nicht was der Arzt da gefunden haben k√∂nnte, aber wenn es wirklich schlimm gewesen w√§re, h√§tte er den Oberarzt oder den Chefarzt hinzugezogen.
  • Beim n√§chsten US warteten Ober- und Chefarzt auf mich‚Ķ In diesem Moment hatte ich zum ersten Mal richtig Angst. Die Spezialisten best√§tigten die Diagnose und es wurden zus√§tzlich Blutuntersuchungen gemacht. Ich bekam sofort einen Termin bei einer Psychologin um mir ihr das F√ľr und Wider einer Fruchtwasseruntersuchung und die eventuellen Konsequenzen aus dem Ergebnis zu besprechen. Und war da bereits in der 24. Schwangerschaftswoche, mein Baby bewegte sich recht kr√§ftig und pl√∂tzlich stand der Begriff "Schwangerschaftsabbruch" im Raum. Wir entschieden uns dann gegen die Fruchtwasseruntersuchung. Das Ergebnis h√§tte ohnehin nichts ge√§ndert. Ein Abbruch w√§re f√ľr uns nicht in Frage gekommen. Wir w√ľrden dieses Kind so annehmen, wie es uns geschenkt w√ľrde.

    Die n√§chsten Wochen wurden von regelm√§√üigen US-Untersuchungen bestimmt. Die Hinterh√∂rner blieben gro√ü, wuchsen aber proportional mit dem Kopf mit. Irgendwann riet man uns dann uns f√ľr eine Entbindungsklinik mit Neugeborenen-Intensivstation zu entscheiden, damit dem Kind im schlimmsten Falle schnell geholfen werden k√∂nne. Unsere Wahl fiel dann auf das Uni-Klinikum, da wir uns dort, trotz erster Bedenken, sehr gut aufgehoben gef√ľhlt haben. Bei der letzten Untersuchung vor dem errechneten Termin hatten die Hinterh√∂rner pl√∂tzlich Normalgr√∂√üe und alles wirkte wie ein Spuk auf uns.

    Die Geburt war sehr sch√∂n. Die Einleitung mit Gel (wegen Schwangerschaftsdiabetes wollten die √Ąrzte die Geburt ein paar Tage vorziehen) wirkte schneller als von den √Ąrzten erwartet und da zu dieser Zeit keine weitere Frau entbunden hat, konnte sich die Hebamme wirklich r√ľhrend um uns k√ľmmern. Unser erster Sohn kam per Kaiserschnitt zur Welt, so dass es sich f√ľr mich um die erste nat√ľrliche Geburt handelte. Trotzdem ging es verh√§ltnism√§√üig schnell und so wurde Simon am 15.12.2003 um 20:36 Uhr geboren. Er war ziemlich blau angelaufen und ben√∂tigte kurz Atemhilfe, aber dann sah alles gut aus. Nichts was auf eine Fehlbildung hindeutete und die Schrecken und √Ąngste der letzen Wochen waren verflogen.

    Drei Tage nach der Geburt wurde bei Simon dann eine Kopf-Sonographie durch die Fontanelle gemacht. Dabei wurde festgestellt, dass Simon einen Balkenmangel hat. Von da an wurde es hektisch. Der Leiter der Neugeborenenstation kam zu uns und teilte uns mit, dass Simon auf die Kinderstation verlegt werde, damit weitere Untersuchungen gemacht werden k√∂nnten. Man konnte uns zu diesem Zeitpunkt nicht versprechen, dass Simon am n√§chsten Tag mit mir zusammen entlassen werden w√ľrde. Der Moment als die Kinderschwester Simon aus meinem Zimmer holte, war f√ľr mich ein absoluter Tiefpunkt. Ich war sehr dankbar, dass in diesem Augenblick meine Mutter und die Patin von Simon bei mir waren.

    Bei Simon wurden an diesem und dem folgenden Tag viele Untersuchungen vorgenommen: Bluttests, visuelle und akustische Reizleitertests, Bauchultraschall, Augenuntersuchungen und ich glaube noch ein paar mehr. Zum Gl√ľck konnten wir ihn am sp√§ten Nachmittag mit nach Hause nehmen und uns dort erstmal an ein Leben zu viert gew√∂hnen.

     

     

    Im Januar wurde dann ein MRT unter Vollnarkose bei Simon durchgef√ľhrt und der Balkenmangel dabei best√§tigt. Aber trotz der jetzt best√§tigten Diagnose konnte uns kein Arzt sagen, was das zu bedeuten habe und was jetzt auf uns zukommen w√ľrde. Es wurde Krankengymnastik verordnen, da eine leichte Muskelhypertonie und sp√§ter eine Sitzkyphose festgestellt wurden. Simon spricht sehr gut auf die KG an und demn√§chst soll eine Therapiepause gemacht werden. Au√üerdem sind wir zu regelm√§√üigen Kontrollen im SPZ (Sozialp√§diatrische Zentrum) des Uniklinikums. Anfangs waren die Kontrollen engmaschiger, aber mittlerweile vergehen zwischen den Terminen bis zu 9 Monate. Trotz der intensiven Beobachtungen durch die √Ąrzte - bei denen ich manchmal das Gef√ľhl hatte, dass die √Ąrzte unbedingt etwas finden wollten - konnte bei Simon bislang (zum Gl√ľck) keine Auff√§lligkeiten festgestellt werden. Bei der letzten Untersuchung im Mai 2005 sagte man uns, dass der n√§chste wichtige Entwicklungsschritt der Eintritt in den Kindergarten sei. Dann k√∂nne man feststellen, ob Simon Probleme im Sozialverhalten oder bei der Verarbeitung komplexer Situationen bekommen wird.

    Alles in allem kann man nur sagen, dass wir gro√ües Gl√ľck haben. Simon ist ein Sonnenschein, wenn auch mit einem Hang zum Dickkopf (den schon mehrere Balkenmangel-Eltern bei ihren Kindern beobachtet haben). Trotzdem haben wir viele sorgenvolle Wochen und Monate gehabt und unseren Sohn immer wieder mit Argusaugen beobachtet: Ist diese Bewegung normal? M√ľ√üte er nicht schon‚Ķ? Es hat eine Weile gedauert, bis sich das normalisier hat. Heute haben wir die Einstellung: "Wir haben solange einen gesunden Sohn bis uns die √Ąrzte das Gegenteil beweisen. Und dann werden wir unser m√∂glichstes tun um ihm weiter zu helfen."

     

    Kerstin Gosdzik im Juli 2005

    Simon Ostern 2005